Kaum eine sizilianische Stadt trägt so einen klangvollen Namen wie Marsala. Als Heimat des raffinierten, gleichnamigen Likörweins ist sie international berühmt geworden. Doch als Reiseziel lockte Marsala in Vergangenheit trotzdem nicht allzu viele Touristen an. In den letzten 30 Jahren hat man das kleine, aber feine Centro Storico restauriert und seine Sehenswürdigkeiten herausgeputzt. Seitdem ist Marsala ein lohnendes Ziel für einen Tagesausflug oder kurzen Städtetrip.

Vom punischen Außenposten zur arabischen Hafenstadt
Ganz im Westen Siziliens, weniger als zwei Autostunden von Palermo entfernt, liegt Marsala am Capo Boeo. Die Karthager gründeten Marsala 397 vor Christus unter dem Namen Lilybaion. Für die punischen Seefahrer war es einer der wichtigsten Außenposten. Nur 140 Kilometer trennten die sizilianische Stadt von Karthago in Nordafrika. Seinen heutigen Namen erhielt Marsala während der arabischen Besatzung Siziliens. Marfa-al-allah nannten die Araber die Stadt: Hafen Gottes.

Dem nautischen Tor zur Welt, das der Stadt Reichtum und strategische Bedeutung brachte, schoben die Spanier im 15. Jahrhundert einen vorläufigen Riegel vor. Aus Angst vor marodierenden Piraten ließen sie den Hafen zuschütten. Das nördlich gelegene Trapani profitierte davon, während Marsalas Stern verglühte.
Marsala-Wein: Wie ein Likörwein die Stadt berühmt machte
Ihren immer noch klangvollen Namen hat die Stadt heute vor allem ihrem größten Exportschlager zu verdanken - dem Marsala-Likörwein, der ab dem 18. Jahrhundert besonders die Briten berauschte. John Woodhouse aus Liverpool gilt als der Pate des Marsalas. Er probierte 1773 in Marsala einen lokalen Wein namens Perpetuum, der ihn an Madeira- und Portwein erinnerte und erkannte sofort sein Potential. Um ihn schiffbar zu machen, ließ er ihn mit Alkohol aufspritten - der Rest ist Geschichte.

Geboren war einer der berühmtesten Weine Siziliens. Mit ihm stieg Marsala wieder aus der Bedeutungslosigkeit auf und ist bis heute ein beliebtes Reiseziel für Weintouristen.
Einen Namen hat sich Marsala allerdings auch als wichtiges Pflaster während der Einigung Italiens gemacht. Risorgimento-Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi betrat am 11. Mai 1860 mit seinem „Zug der Tausend" in Marsala sizilianischen Boden und trieb von dort die Befreiung von der Bourbonenherrschaft voran.
Altstadt von Marsala: Sehenswürdigkeiten im Centro Storico
Obwohl Marsala über 80.000 Einwohner hat und damit größer als Trapani ist, erstreckt sich das alte Centro Storico nur über wenige Straßen. Im Zweiten Weltkrieg sorgten Bombadierungen für massive Beschädigungen und anschließend vegetierte das historische Zentrum rund 40 Jahre vor sich hin. Erst ab den 1990 erkannte man das touristische Potential und fing damit an, die Altstadt zu restaurieren.

Vier Portale führten in die Altstadt, wovon heute nur noch zwei erhalten sind: die Porta Garibaldi (ehemals Porta di Mare) im Südwesten, durch die Garibaldi 1860 mit seinen Rothemden in die Stadt einzog. Im Nordwesten liegt die Porta Nuova, die im 18. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde.
Quartiere Militare & Antico Mercato
Wenn du die schmucke Altstadt durch die Porta Garibaldi betrittst, triffst du direkt auf die erste Sehenswürdigkeit: das alte Quartiere Militare. Das Viertel wurde ab 1576 errichtet, um die spanischen Truppen von den Bewohnern Marsalas zu trennen. Die Soldaten hatten die Einheimischen zunehmend belästigt, so dass die Stadtverwaltung einschreiten musste. Sehenswert ist vor allem der wunderschöne Innenhof Corte Uffici Comunali mit seinem verwunschenen Brunnen. Eingerahmt ist er von vier knorrigen Bäumen, die im Sommer kühlen Schatten spenden.

Neben der Kommunalverwaltung, die seit 1865 im Quartiere Militare ihren Sitz hat, beherbergt das alte Soldaten-Viertel auch den Antico Mercato. Dort kannst du vormittags frischen Fisch kaufen und abends bei Longdrinks und Cocktails chillen.
Das Wunder der Piazza dell'Addolorata
Gegenüber vom Antico Mercato und direkt hinter dem Stadttor öffnet sich der erste größere Platz des Centro Storico. Hauptdarsteller auf der Piazza dell'Addolorata ist eine kleine Barockkirche, die eng mit einer lokalen Legende verbunden ist. So soll es im 17. Jahrhundert, als an der Piazza noch eine kleine Kapelle mit Marienstatue stand, dort zu einem heftigen Blitzeinschlag gekommen sein. Wundersamerweise blieben die Betenden an der Marienstatue vom Blitz verschont und aus Dankbarkeit ließ man anschließend eine größere Kirche an der Piazza errichten.

Vom Stadttor führt die Via Giuseppe Garibaldi in das Herz der Altstadt. Entlang der freundlichen Straße begrüßen dich eine ganze Reihe Enotheken und Bars, in denen du den Likörwein Marsala verkosten kannst. Für einen kleine Shopping-Auszeit vom Sightseeing ist dies eine der schönsten Ecken der Stadt.
Piazza della Repubblica: Canterbury-Kathedrale und der Palazzo VII Aprile

Wie zuvor erwähnt: die Altstadt von Marsala ist nicht groß und so stehst du nach nur wenigen Metern schon an der Piazza della Repubblica im Mittelpunkt des Centro Storico. Die große Mutterkirche dominiert den weitläufigen Platz, der größer wirkt, als er tatsächlich ist. Sie ist - für Süditalien eher ungewöhnlich - dem Heiligen Thomas Becket, Bischof von Canterbury, geweiht. Die kuriose Heiligenwidmung geht auf eine Episode in der Geschichte von Marsala zurück. So soll einst ein Schiff auf dem Weg nach England vor der Küste gestrandet sein, das mit korinthischen Säulen für eine Kirche zu Ehren des Heiligen beladen war. An ihr Ziel gelangten die Säulen nie. Stattdessen verwendete man sie für den Bau der Vorgängerkirche an der Piazza della Repubblica und weihte diese San Tommaso.

Den architektonischen Kontrast bildet eine weitere Sehenswürdigkeit an der Piazza: der Palazzo VII Aprile 1860. Dort, wo heute der Palazzo steht, befand sich im Mittelalter die Loggia der Pisaner und Genovesen - ein lebhaftes Handelszentrum für Güter und Devisen. In der späten Renaissance wurde der Palazzo neu errichtet. Sein heutiges Erscheinungsbild, das wiederum Bezüge zur Architektur des 16. Jahrhunderts zeigt, erhielt er aber erst im 18. Jahrhundert. Im Gedenken an den Volksaufstand gegen die bourbonische Regierung in Marsala, wenige Wochen bevor Garibaldi anlandete, taufte man die Loggia in Palazzo VII Aprile 1860 um.
Von der Chiesa del Purgatorio über die Via XI Maggio
Eine der schönsten Sakralbauten von Marsala versteckt sich direkt hinter der Mutterkirche. Rechts des Hauptportals führt ein kleiner, baumbewachsener Platz auf die Via Sebastiano Cammareri Scurti. Von dort ist es ein Katzensprung zur Chiesa del Purgatorio mit einer wunderschönen, freskenverzierten Fassade in feinstem Barock. Ein Brunnen aus dem 18. Jahrhundert auf der Piazza vor der Kirche vervollständigt dieses sehenswerte Highlight von Marsala.

Zurück auf der Piazza della Repubblica gelangst du in Richtung Nordwesten über die Via XI Maggio zum zweiten noch erhaltenen Stadttor. Die Straße ist eine wichtige Lebensader der Altstadt und endet an der Porta Nuova. Boutiquen und Bars sorgen für Leben, während das ehemalige Benedektinerkloster, die Kirche San Pietro und zahlreiche alte Adelspaläste dazu ein stimmungsvolles Ambiente bieten.

Besonders toll sind die beiden mondänen Palazzi direkt vor der Porta Nuova: der Palazzo Spano-Burgio aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde mit vielen kleinen Säulen und einem zentralen Balkon im klassizistischen Stil errichtet. Ein Blick in die Höhe lohnt sich. An der Spitze kannst du einen manieristischen Fratzenkopf entdecken, der auf die vorbeiziehenden Menschen in der Via XI Maggio hinabschaut. Direkt gegenüber liegt der Palazzo Fici - ein Barockpalast aus dem 18. Jahrhundert. Jahrzehntelang wohnte darin die Familie Fici, eine der einflussreichsten Adelsfamilien aus Marsala.

Kulinarischer Tipp: Marsala-Wein verkosten
Kein Marsala-Besuch ohne Marsala! Die Trauben für den edlen Tropfen baut man rund um die Stadt an, wobei drei Weingüter die Platzhirsche sind: die Cantine Pellegrino, Donnafugata und Florio. Alle drei Winzer haben Weinkeller in Marsala, die zu Besichtigungen einladen. Bei einer Führung kannst Weine sowie Marsala verkosten.
Beim Marsala gibt es verschiedene Qualitätsstufen, die mit dem Fine beginnen und dem Vergine Soleras Riserva (oder Stravecchio) enden. Während der Marsala Fine qualitativ stark schwankt, findest du unter den höheren Qualitätskategorien deutlich bessere Tropfen, die allerdings auch ihren Preis haben. Marsala ist kein Billig-Getränk - Flaschenpreise von 40 Euro aufwärts sind normal.

Ausspannen im Schatten der Porta Nuova
Wenn du die Altstadt durch die Porta Nuova wieder verlässt, empfängt dich zunächst ein faschistischer Klotz: das Cine Impero wurde 1920 als Theater „Arena Roma" erbaut. Heute ist in dem strengen Bau ein Kino mit über 1000 Sitzplätzen untergebracht. Er wird auch als Konzertsaal genutzt.

Schatten und Ruhe findest du direkt gegenüber im kleinen Stadtpark der Villa Cavallotti. Er wurde 1895 angelegt. Ein Weg durch eine Allee aus riesigen, knorrigen Bäumen führt zur ehemaligen Bastione San Francesco, die einer Stadtvilla weichen musste. Im Park steht eine sehenswerte Tuffstein-Skulptur von Pietro Poma, einem lokalen Künstler aus Marsala.

Kulinarischer Tipp: Osteria Il Gallo e l’Innamorata
Osteria Il Gallo e l’Innamorata am Rande des Centro Storico ist ein kleines Restaurant mit leckeren Fischgerichten. Ein großer Teil der Zutaten ist al Chilometro Zero und kommt direkt aus der nahen Umgebung von Marsala. Die kleine, aber tolle Karte ist reich an Highlights. Starte mit den kleinen Arancini, gefüllt mit geräuchertem Fisch, oder nimm am besten gleich die gemischte Vorspeisenplatte mit sechs verschiedenen Fisch-Antipasti. Unter den Nudelgerichten sind die Busiate mit sizilianischem Pesto aus Mandeln, Pistazien, Pinienkernen, Kapern, Trauben und getrockneten Tomaten fantastisch. Als Hauptgang solltest du die Schwertfisch-Involtini nicht verpassen, zu denen einer der lokalen Weine hervorragend schmeckt.
Osteria Il Gallo e l’Innamorata, Via Stefano Bilardello 18, Marsala
Archäologische Highlights: Parco Archeologico di Lilibeo und das Museum Baglio Anselmi

Zum Pflichtprogramm in Marsala gehört ein Besuch im Parco Archeologico di Lilibeo. Auf dem Ausgrabungsgelände hat man die Ruinen des antiken Lilybaion freigelegt, das viel über die karthargisch-römischen Wurzeln der Stadt erzählt. Es befindet sich westlich des heutigen Altstadtkerns, direkt am Capo Lilibeo.

Im Museum Baglio Anselmi am Eingang des archäologischen Parks sind kulturhistorische Fundstücke aus der Antike zu sehen: Statuen, Alltagsgegenstände, Vasen aus punischer und römischer Zeit - eine faszinierende und wirklich spannende Sammlung. Besonderes und einzigartiges Schmuckstück der Sammlung ist das Wrack eines punischen Schiffs aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Heck und Seite des Ruderschiffs sind erhalten, an einzelnen Planken sind phönizische Schriftzeichen zu erkennen.

Seit 2019 ist die Sammlung des Museums um eine Sehenswürdigkeit reicher. Zwei Amateurtaucher entdeckten 1999 in nur zwei Metern Tiefe vor der Küste Trapanis die Reste eines Schiffs aus spätrömischer Zeit. Das als Nave di Marausa bekannt gewordene Frachtschiff mit einer Länge von 27 Metern wurde ab 2009 gehoben und anschließend akribisch für die stattliche Summe von 7,3 Millionen Euro restauriert. Es ist das größte Wrack aus römischer Zeit, das jemals im Meer vor Italien geborgen wurde. 2020 hat man ein weiteres Wrack bei Marausa gefunden - die Bergungsarbeiten dafür begannen im Juni 2023.

Parken in Marsala: Tipps für stressfreies Abstellen des Autos
Es gibt rund um die Altstadt von Marsala mehrere größere und zentrale Parkplätze, auf denen du dein Auto teils sogar kostenfrei parken kannst. Doch aufgepasst: dort lungern oft selbsternannte Parkwächter herum, die einen am liebsten in freie Parklücken einweisen und - kaum hast du dein Auto geparkt - die Hand aufhalten. Eine Masche, die in vielen Ecken Süditaliens nicht unüblich ist. Gibt man etwas, hat man gute Chancen, dass das Auto bei der Rückkehr im gleichen Zustand ist wie zuvor. Wenn du auf dieses Spielchen keine Lust hast, empfehle ich dir, das Auto in einer der Straßen rund um das Centro Storico zu parken. Gute Parkmöglichkeiten findest du zum Beispiel in der Via Sibilla oder rund um die Piazza Guglielmo Marconi.






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