Verträumt und ein wenig verschlafen wacht das kleine mittelalterliche Städtchen Erice im äußersten Westen Siziliens auf einem Berg über Trapani. Als „borgo più bello" ist Erice ein beliebtes Reiseziel für Ausflüge. Tagsüber spülen Reisebusse Menschenmassen durch die engen Gassen und an den Sehenswürdigkeiten vorbei. Abends kehrt in Erice wieder Ruhe ein. Wer über Nacht bleibt, hat den Ort fast für sich und muss ihn höchstens mit dem Nebel teilen, der durch das Centro Storico zieht. Ob im strahlenden Sonnenschein oder von Wolken umhüllt: Erice hat viele Gesichter. Nicht alle davon sind schön.

Anreise nach Erice: Seilbahn oder Serpentinen
Knapp vier Kilometer Luftlinie liegt Erice von Trapani entfernt. Eine Strecke, die sich per Auto verdreifacht. Das Bergplateau des Monte Erice befindet sich auf 750 Metern über dem Meeresspiegel. Wer den kleinen Ort besuchen will, muss also hoch hinauf. Über abenteuerlich enge Straßen, oft nah am steilen Abgrund. Kurve um Kurve. Genau mein Ding.
Es geht aber auch schneller: Eine Seilbahn legt den Weg von Trapani nach Erice in rund zehn Minuten zurück. Mit fantastischer Aussicht geht es mit der Funivia bis zur Porta Trapani direkt zum Centro Storico von Erice. Für etwas mehr als einen Zehner hin und zurück kannst du deine Nerven schonen und musst nicht die schmalen Straßen hochkurven.
Erster Eindruck: Warum Erice kaum sizilianisch wirkt
Die erste Überraschung, wenn du die Altstadt betrittst: kaum ein Ort in Sizilien wirkt so wenig sizilianisch wie Erice. Während der sizilianische Barock mit verspielten Balkonen und Portalen an Kirchen und Palazzi die Insel andernorts fest im Griff hat, katapultiert Erice seine Besucher direkt ins Mittelalter. Dunkle Steinmauern mit engen Torbögen, kopfsteingepflasterte Gassen im gleichen Grau, Chiaramonte-Gotik - rechteckig und streng. Kaum ein Palazzo wächst über zwei Etagen hinaus. Erice ist mehr Toskana als Sizilien.

Von Eryx, Venus und Normannen: kleiner Ritt durch die Geschichte von Erice
Der gut erhaltene mittelalterliche Stadtkern trägt viel zum Charme von Erice bei. Aber auch aus viel älteren Epochen kannst du Spuren entdecken. Schließlich blickt Erice auf eine lange Geschichte zurück. In vorgriechischer Zeit haben die Elymer die Gegend bewohnt und vermutlich auf dem Berg eine Siedlung gegründet. Zu griechischer Zeit war der Ort unter dem Namen Eryx bekannt, stand allerdings unter punischer Herrschaft. Trotzdem vermischten sich zunehmend griechische und lokale Traditionen. So verwundert es nicht, dass ein griechischer Aphrodite-Kult um Erice rankt.

Dieser Kult blieb auch unter den Römern lebendig, die sich als Nachkommen von Aeneas betrachteten, Sohn der Aphrodite und Held von Troja. Mit dem Unterschied, dass aus dem Aphrodite-Tempel der Tempel der Venus wurde. Der Kult um die Göttin der Liebe, Schönheit und sinnlichen Begierde machte Erice weit über Sizilien hinaus als Pilgerort der besonderen Art bekannt. In den heiligen Hallen der Venus Ericina gaben sich junge Tempeldienerinnen den Besuchern als Geschenk der Venus hin. Heute würde man von Erice wohl als antikes Reiseziel für Sextourismus sprechen.
Sehenswerte Burgen: Castello di Venere und Castello di Bálio
Wo einst der Tempel der Venus Ericina stand, errichteten die frommen Normannen im 12. Jahrhundert das Castello di Venere. Sie packten auf diese Weise nicht nur einen symbolischen Deckel auf den als Sünde empfundenen Venus-Kult der Antike, sondern benannten Erice gleich komplett in Monte San Giuliano um. Erst 1934 erhielt Erice seinen historischen Namen zurück.

Von der normannischen Burg ist heute eine teilweise gut erhaltene Ruine übrig. Wenn wie so oft die Wolken durch die Stadt ziehen, wirkt die massive Burg aus grauem Stein fast wie ein Spukschloss. Im Innenhof gibt es noch den Brunnen des Tempels zu sehen, in dem die Tempeldienerinnen einst gebadet haben sollen. Ansonsten ging es an dieser Stelle des Ortes wohl nie monogamer zu als heute.

Ein noch älteres Zeugnis der Vergangenheit sind die Stadtmauern aus punischer Zeit, die teils noch erhalten sind. Sie stammen aus dem 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus und bestehen aus großen Kalksteinblöcken. Zwischen der Porta Carmine und Porta Spada findest du den am besten erhaltenen Abschnitt der Mauer.
Direkt neben dem Castello Venere wacht das Castello di Bálio - eine zweite mittelalterliche Burg mit zwei massiven Türmen und einem angrenzenden englischen Garten. Die Türme aus normannischer Zeit waren ursprünglich über eine Zugbrücke mit der Venere-Burg verbunden. Im 19. Jahrhundert übernahm Graf Agostino Sieri Pepoli die Türme und restaurierte sie. Besichtigungen sind leider nicht möglich, da sich die Bálio-Burg im Privatbesitz befindet. Dafür steht der hübsch gestaltete Garten aber der Allgemeinheit offen.

Kulinarischer Tipp: Gli Archi di San Carlo
Die kulinarische Top-Adresse in Erice ist das Restaurant Gli Archi di San Carlo. Es befindet sich in der Wäscherei eines ehemaligen Klosters, unter den Bögen der Chiesa San Carlo. Im Sommer kannst du sowohl im Innenhof sitzen als auch im rustikal-charmanten Kellergewölbe. Die hervorragende Küche ist traditionell sizilianisch geprägt. Die Gerichte auf der Speisekarte wechseln regelmäßig. Bei unserem Besuch hatten wir neben Sarde a beccafico und einer Caponata aus Meeresfrüchten ein Steak Catanese sowie Zackenbarsch alla Matalotta. Alles superschön serviert auf bunt verziertem sizilianischem Geschirr - das Auge isst eben einfach mit! Wenn die Dessertkarte es bei deinem Besuch listet, solltest du unbedingt „Pistacchio Vasetto" als Nachtisch bestellen - eine cremige Süßspeise im Glas mit ganz viel Pistazie. Ein echtes Gedicht!
Gli Archi di San Carlo, Via Serisso 40, Erice
Panoramablicke über Trapani bis San Vito Lo Capo

Sowohl von den Torri als auch vom Giardino del Bálio aus eröffnet sich ein grandioses Panorama auf das Hinterland im Nordwesten und die Küste Siziliens. Der Blick reicht über die sichelförmige Küstenlinie des Golfs von Trapani bis zum Monte Cofano, hinter dem du die Spitze von San Vito lo Capo erkennen kannst. Die sensationelle Aussicht ist einer der Hauptgründe, warum es so viele Touristen nach Erice zieht.
Torretta Pepoli: Märchenschloss in Traumlage

Doch für großartige Postkartenmotive musst du nicht einmal den Blick in die Ferne schweifen lassen. Direkt unterhalb des Venere-Castello balanciert die Torretta Pepoli schwindelerregend auf einem Felsen. Das Bauwerk ist ein Unikat und erinnert an einen wilden Mix aus maurischer und mittelalterlicher Architektur mit Liberty-Einflüssen. Die Villa wurde zwischen 1872 und 1880 von Agostino Pepoli erbaut. Der Mäzen und Kunstsammler nutze sie, um in Ruhe archäologische Studien zu betreiben. Vor wenigen Jahren wurde die Torretta Pepoli restauriert. Heute beherbergt sie ein Museum und Begegnungszentrum.

Kulinarischer Tipp: Pasticceria Maria Grammatico
Die Pasticceria Maria Grammatico ist eine sizilianische Institution, die weit über die Grenzen von Erice hinaus bekannt ist. Maria Grammatico wurde von ihren Eltern mit elf Jahren ins Kloster gesteckt. In den 15 Jahren als Nonne lernte sie sämtliche Rezepte klösterlicher Konditorkunst kennen. Mit einem 3-Kilo-Sack Mandeln eröffnete sie anschließend ihre kleine Pasticceria in Erice, in der es alle erdenklichen sizilianischen Süßigkeiten und Kekse zu kaufen gibt. Allein der Blick in die reich bestückten Schaufenster lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Schlangen vor der Pasticceria sprechen ebenfalls Bände. Das Anstehen lohnt sich! Das weiche, superleckere Mandelgebäck, für das die Pasticceria bekannt ist, zählt zu den Highlights sizilianischer Süßigkeiten. Unbedingt probieren: die bunten Martorana-Früchte aus Marzipan sowie die Genovesi und Sospiri.
Pasticceria Maria Grammatico, Via Vittorio Emanuele 14, Erice
Wenn die Wolken durch Erice ziehen
Ein einzigartiges Erlebnis in Erice ist es, wenn mal wieder Wolken durch den Ort ziehen. Gerade rund um die normannischen Ruinen. Während über Trapani die Sonne scheint, drängen sich Wolkenfetzen wie dicke Wattebäusche durch die steinernen Gassen und scheinen am Castello schließlich in die Tiefe zu fallen. Ein skurriler Anblick und ein Moment, an dem die Temperaturen innerhalb weniger Minuten um ein paar Grad fallen können.
Auch der dicke Nebel, der nachts und in den frühen Morgenstunden gern durch den Ort kriecht, sorgt für Gänsehautmomente. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit seinen mittelalterlichen Bauten, den ausgestorbenen Gassen und den dichten Nebelschwaden erinnert Erice in diesen spätabendlichen Momenten mehr an die Filmkulisse eines Vampirfilms als an das freundlich-sonnige Städtchen, das dir am Tage begegnet ist. Atmosphärisch ist beides eine Reise wert!

Rundgang durch die Altstadt von Erice
Das Centro Storico von Erice hast du zu Fuß schnell durchschlendert. Die Besuchermassen tummeln sich hauptsächlich in der Via Vittorio Emanuele sowie zwischen der Piazza della Loggia und der Piazzetta San Domenico. Sie sind Herz und Lebensader der Altstadt zugleich. Nirgendwo in Erice pulsiert das Leben so stark wie in der Via Vittorio Emanuele, wo sich Schmuck- und Keramikgeschäfte, Bars, Cafés, Eisdielen und Restaurants dicht aneinanderreihen. Dazwischen buhlen Spezialitätenläden und Souvenir-Shops um die Aufmerksamkeit der Touristen.

Kulinarischer Tipp: Pasticceria San Carlo
Versteckt in einer kleinen Seitenstraße gelegen, ist die Pasticceria San Carlo leicht zu übersehen. Einmal gefunden darfst du dich über die besten Genovesi der Stadt freuen. Zwei steinalte Nonnas backen in der winzigen Konditorei das traditionelle Gebäck von Erice: ein Mürbeteig, mit Pudding gefüllt und mit Puderzucker bestäubt. Der Name Genovesi erinnert an die Hüte der Seefahrer aus Genua, die zur Zeit der Seerepubliken in Sizilien landeten. Fragst du die Einheimischen, ob du lieber zur berühmten Maria Grammatico oder zu den Nonnas von San Carlo gehen sollst, dann wirst du zu den alten Damen geschickt. Und tatsächlich: es gibt zwar keine große Auswahl, aber das Gebäck ist dafür einfach richtig gut.
Pasticceria San Carlo, Via S. Domenico 18, Erice

Mehr als die Chiaramonte-Kathedrale: die Stadt der 100 Kirchen
Eine ganze Reihe kleiner Kirchen und Palazzi, darunter die Chiesa Sant'Alberto, die Chiesa SS. Salvatore und die Chiesa San Domenico laden dazu ein, kurze Zwischenstopps einzulegen. Ohnehin ist die Zahl an Sakralbauten in Erice groß. Der Ort wurde einst die „Stadt der hundert Kirchen" genannt. Ganz so viele sind es heute nicht mehr, aber immer noch eine Menge.

Besonders sehenswert ist die Klosterkirche San Domenico, die jahrhundertelang ein Mittelpunkt des religiösen Lebens in Erice war. Mittlerweile residiert im einstigen Kloster eine Stiftung. Von außen ist auch die Kirche San Giovanni Battista eine wichtige Sehenswürdigkeit in Erice. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und hat wie das benachbarte Castello normannische Wurzeln. Zweimal wurde sie umgebaut und vor wenigen Jahren aufwendig restauriert.

Die wichtigste Kirche erreichst du allerdings an der Porta Trapani: die Kathedrale von Erice. Angeblich hat Kaiser Konstantin bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. an der Piazza Matrice eine Kirche errichten lassen. Die Kathedrale stammt dagegen von Friedrich III von Aragon. Baumaterial waren auch Reste des Venustempels. Die Kirche im Stil der Chiaramonte-Gotik aus dem Jahr 1314 ist wie so oft ein wilder Mix aus allen Epochen und doch - vor allem innen - ein Gesamtkunstwerk. Besonders beeindruckend ist die Marmorikone hinter dem Hauptaltar, die der Bildhauer Giuliano Mancino 1513 angefertigt haben soll.

Torre di Re Federico und das Quartiere Spagnolo
Der freistehende Glockenturm (Torre di Re Federico) direkt neben der Kathedrale ist älter als die Kirche und wurde zunächst als Wachturm genutzt. Er ist eine der Sehenswürdigkeiten von Erice, für die du einen kleinen Obolus entrichten musst. Dafür darfst du hinauf auf den 28 Meter hohen Turm - allerdings trüben vergitterte Fenster und ein hässlicher Funkturm die Aussicht auf Erice.

Ein weiteres schöneres Panorama kannst du in der Via Conte Pepoli und Via Piscina Apollinis genießen. Letztere führt zum Quartiere Spagnolo, einer niemals fertiggestellten Kaserne für die spanischen Soldaten. Unschlagbar ist auch der Blick, der dich unterhalb der Funivia und der Strada Provinciale SP3 erwartet. Dort kannst du auf einem kleinen Parkplatz kostenfrei dein Auto abstellen. Vom Belvedere hast du eine atemberaubende Aussicht auf Trapani mit seinen Salzwiesen, auf die Ägadischen Inseln und bis nach Marsala. Direkt unterhalb beginnt zudem ein wunderschöner Panorama-Wanderweg, auf dem du zu Fuß nach Trapani gelangst.

Kulinarischer Tipp: Gelateria Liparoti
Die Gelateria Liparoti genießt italienweit einen guten Ruf. Sie war mehrfach in der Top-10 der besten Eisdielen Italiens und ist vor allem für ihr hervorragendes Granita bekannt. Neben klassischen Fruchtsorten wie Wassermelone, Feige oder Mandarine gibt es auch experimentellere Geschmacksrichtungen wie ein Granita aus Sellerie, Minze und Zitrone. Alles ohne Zusatzstoffe und Aromen, sondern nur mit natürlichen Zutaten. Die Portionen sind klein, die Preise dafür hoch. Aber das tolle Geschmackserlebnis sorgt dafür, dass man der Gelateria Liparoti trotzdem mehrere Besuche abstattet, um möglichst viele Sorten zu probieren.
Gelateria Liparoti, Via Vittorio Emanuele 86, Erice

Warum Erice nicht nur begeistert
Erice ist ein wunderschöner Ort. Allein die Panoramablicke, die sich vom kleinen Bergstädtchen bieten, sind schon Gold wert. Kein Wunder, dass Erice ein derart beliebtes Reiseziel ist und unzählige Touristen anlockt. Doch da beginnt das Problem. Wenn du es magst, spätabends durch belebte Gassen zu schlendern, vielleicht noch einen Schlenderschluck zu trinken, dann hat Erice wenig zu bieten. Vor allem in der Nebensaison klappt man die Bürgersteige im Ort früh hoch. Alles ist auf die Tagestouristen ausgerichtet, die den Ort am späten Nachmittag wieder verlassen.

Touristenort mit Schattenseiten
Was mich aber am meisten enttäuscht hat: Erice hat mir nach vielen, vielen Jahren eine Seite Italiens gezeigt, von der ich dachte, sie existiere längst nicht mehr. Als ich in den Neunzigern zum ersten Mal den Stiefel besucht habe, wurde man in Touristenorten gerne einmal betuppt. Es wurde falsch abgewogen, Preise merkwürdig nach oben gerundet und die Behandlung von Touristen und Einheimischen war alles andere als gleich. Diese hässliche Seite hat Italien an den meisten touristischen Orten längst abgelegt. Doch in Erice habe ich so viele Versuche erlebt, mich zu übervorteilen wie in den letzten 30 Jahren nicht mehr.

Touristenfallen gibt es einige in dem sizilianischen Städtchen. Mit prezzi milanesi - Mailänder Preisen, wie die Italiener sagen. Egal ob der kleine Becher Granita oder der Espresso. Beispiel Caffè del Balio im englischen Garten, um das du genauso wie um die Bar Edelweiss an der Piazza della Loggia einen sehr großen Bogen machen solltest: Wenn der Espresso an der Theke fast so teuer wie in Deutschland ist und es für Touristen nicht mal ein Glas Wasser zum Kaffee gibt, dann läuft was falsch. Wenn der italienische Nachbar dagegen an der Theke das Glas Wasser ohne Nachfrage direkt dazugestellt bekommt, sollte man seine Einstellung als Gastwirt überdenken.

Ähnliches habe ich in Erice an mehreren Stellen erlebt - ob im kleinen Alimentari oder im Keramikgeschäft. Kreative Preisgestaltung, am besten ohne scontrino. Vielleicht waren es alles Ausnahmen, und ich bin mir sicher, dass nicht jeder Händler oder Gastronom in Erice seine Kunden abzockt. Denn wir haben im Ort an anderer Stelle auch gute Erfahrungen gemacht. Aber die Menge an Negativbeispielen war in Erice wirklich gewaltig und hat dafür gesorgt, dass wir bei unserer nächsten Sizilienreise nicht mehr in dem Bergdorf übernachten werden. Schade eigentlich, denn Erice ist ganz klar einer der schönsten Orte im Westen von Sizilien.









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